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Die japanische Kinderakupunktur Shōnishin

ein Überblick

~ 7 Minuten
Thomas Wernicke

Vermutlich ist es die Sanftheit der Methode, die als Attribut dem Shōnishin zugefügt wird. Wohl deshalb ist seit Anfang 2000 ein stetig wachsendes Interesse an Shōnishin außerhalb Japans zu verzeichnen. Eine Entwicklung, die besonders im europäischen, speziell im deutschsprachigen Raum (Deutschland, Österreich, Schweiz) und im englischsprachigen Raum (USA, Kanada, Großbritannien und Australien) zu beobachten ist.

In ihrer heutigen Ausprägung ist Shōnishin nicht nur als Ergebnis einer langen Entwicklung zu verstehen, sondern gleichzeitig handelt es sich auch um eine junge Therapie. Entgegen einer allgemein verbreiteten Meinung in und außerhalb Japans etablierte sich erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts Shōnishin als nicht-stechende Therapiemethode. [1]

Im Großraum Osaka hatten sich mehrere Schulen unterschiedlicher Richtung etabliert, die das nicht-invasive Shōnishin bis heute lehren und ausüben. Es gibt also nicht DAS Shōnishin – ebenso, wie es in Japan nicht DIE japanische Akupunktur gibt. Vielmehr bestehen unterschiedliche Richtungen dieser Behandlungsmethoden nebeneinander. 

Die in Japan am weitesten verbreitete Shōnishinschule ist die Daishi Hari-Schule, ist. Sie wurde 1888 von Sutezo Tanioka gegründet und wird nun in der 3. Generation von Masanori Tanioka fortgeführt. Seinem unermüdlichen Einsatz ist es zu verdanken, dass Shōnishin über die Grenzen Japans hinaus bekannt wurde. [2] Auf der Grundlage dieser Schule basiert das hier vorgestellte Shōnishin.

Die Behandlung

Shōnishin kommt bei Babys, Kindern und Erwachsenen gut an. Selbstverständlich wird in der Praxis immer nach Befund gearbeitet. So richtet sich die Therapie in erster Linie nach den motorischen, sensorischen und emotionalen Beeinträchtigungen. 

Nach einer entsprechenden Diagnostik, die zum einen die kindliche Entwicklung aus entwicklungs-physiologischer und zum andern die energetische Sicht entsprechend der sino-japanischen Tradition einbezieht, wird die Behandlung durchgeführt. Diese beginnt mit der sogenannten Grundbehandlung, wobei mit dem Shōnishin – Instrument in einer Frequenz von 90 bis 180 Streichungen pro Minute rhythmische Streichungen auf der Körperoberfläche am Rumpf und an den Extremitäten durchgeführt werden. Streichfrequenz, Streichlänge und Druckstärke sind altersabhängig. 

Was passiert bei richtiger Durchführung dieser Behandlungstechnik? Durch vergleichende psychophysikalische Studien konnte wiederholt aufgezeigt werden, dass bestimmte Rezeptoren in der Haut - das C-taktile Gitterfasernetz - durch sanfte, streichende Berührung aktiviert werden. Der über diese Nervenfasern erzeugte Reiz führt im Hypothalamus zur Bildung des Hormons Oxytocin. [3]

Hier zeigt Shōnishin seine ganze Stärke. Beim Kind wie beim Erwachsenen – und das gilt natürlich in besonderem Maße für das Baby – führt die Oxytocin Ausschüttung zu einem vegetativen Ausgleich und ist damit eine tragende Säule für die Aufrechterhaltung bzw. Rückgewinnung des inneren Gleichgewichts. Damit kann die Shōnishin-Akupunkteurin oder Akupunkteur auf die überwiegende Mehrheit aller im frühkindlichen und kindlichen Alter auftretenden Symptome positiven Einfluss ausüben wie z.B. Schlaf-, Ess- und Verdauungsstörung sowie Unruhezustände und Entwicklungsverzögerung, aber auch Schreibabys. 

Im Anschluss an die Grundbehandlung wird ab Laufalter eine Meridianbehandlung durchgeführt. Ebenso werden mittels einer Vibrationstechnik ausgewählte Akupunkturpunkte stimuliert. Damit wird angestrebt, dass es zu einer Nachreifung jener energetischen Entwicklungsebene kommt, die verantwortlich für ein auffälliges Verhalten, für Störungen oder für Erkrankungen ist.

Durch unterschiedliche Klopftechniken können unterschiedliche Behandlungseffekte hervorgerufen werden. Das liegt zum einen daran, dass bestimmte Reizqualitäten nur in bestimmten Hautschichten wahrgenommen werden. Und zum anderen daran, dass ein Reiz auf unterschiedlichen Hautebenen zu unterschiedlichen Rückenmarkssegmenten weitergeleitet wird, was wiederum zu unterschiedlichen Reizantworten führt. Damit wird ein Arbeiten sowohl auf neuro-anatomischer Ebene wie auch auf energetischer Ebene ermöglicht. [4]

Die Behandlungszeit beträgt bei Babys zwei bis drei Minuten und steigert sich auf acht bis zwölf Minuten bei Teenagern und Erwachsenen. In der Regel wird einmal pro Woche behandelt, in seltenen Fällen auch täglich (z.B. Schreibaby). 

Weitere Indikationen zur Behandlung von (Klein-)Kindern stellen Auffälligkeiten der Kontaktorgane zur Außenwelt dar, worunter insbesondere Schwäche der Atemorgane (z.B. rezidiv. Bronchitiden, Asthma bronchiale, Sinusitis, aber auch die „Rotznase“), Schwäche der Verdauungsorgane (z.B. Spucken, Reflux, Obstipation) sowie Schwäche der Sinnesorgane (Haut: Neurodermitis; Ohren: Otitis media, Paukenerguss; Nackenrezeptorenfeld: Gleichgewichts- und Koordinationsstörungen) fallen. Bei der Behandlung sogenannter KiSS-Babys (KiSS = Kopfgelenk-induzierte Symmetrie-Störung) erlangt Shōnishin eine zunehmende Bedeutung. 

Die Behandlung mit Shōnishin als alleinige Anwendung reicht bei funktionellen Störungen wie beispielsweise Bettnässen, emotionale Unausgeglichenheiten, Schlafstörungen oder bei Schreibabys, bei denen eine Kopfgelenkblockierung als Ursache ausgeschlossen werden kann, meist aus. 

Zwar wird Shōnishin in erster Linie bei Säuglingen und Kindern angewendet, ist aber auch bei geschwächten Erwachsenen hilfreich, um diese aus ihrer Energielosigkeit herauszuholen. Auch (erwachsene) Patienten mit Nadelangst können durch Shōnishin in den Genuss der Akupunktur kommen, sodass diese wirkungsvolle Therapie ihnen nicht vorenthalten werden muss.

Eine zunehmend größere Rolle spielt der geriatrische Bereich. Insbesondere sehr alte oder immobile Menschen zeigen erstaunliche Parallelen zu Kleinkindern oder gar Babys auf: eingeschränkte Bewegungsmuster, unreife emotionale Ausdrucksformen, fehlende Blasen- und Darmkontrolle, fehlende Selbstversorgung, dünne Haut. Deshalb war die Einführung von Shōnishin als Behandlungsmethode in der Geriatrie eine logische Konsequenz. [5]

In den letzten Jahren hat sich der besondere Stellenwert von Shōnishin in der Behandlung traumatisierter Kinder und Erwachsenen gezeigt. Und zwar dank der Tatsache, dass mittels einer subtilen Behandlungstechnik der Zugang zum autonomen Nervensystem, vor allem zum Vagusnerv, ermöglicht wird. Damit besteht die Möglichkeit Betroffene aus der Erstarrung loszulösen. [6] 

Ausblick 

Shōnishin ist auf dem Weg, eine wichtige Rolle in der Behandlung von Kindern zu spielen. Dadurch, dass das hier vorgestellte Shōnishin die sino-japanische Medizintradition mit dem heutigen Wissensstand der Entwicklungsphysiologie vereint, wurden neue Standards in der Behandlung von Babys und Kindern geschaffen. Die darauf aufbauenden Behandlungsstrategien eröffnen einen umfangreichen und ganzheitlichen Zugang zur Behandlung vom Baby bis zum Senior. 

Dies spiegelt sich in einer zunehmenden Anzahl ärztlicher und nicht-ärztlicher Akupunkteure sowie Praktiker und Therapeuten wider, die auf einer meridianbasierten Behandlungsmethode wie z.B. Tuina oder Shiatsu arbeiten. So findet Shōnishin in Arzt- oder Akupunkturpraxen, in der Hebammenarbeit aber auch in Kliniken seinen eigenständigen Platz. Ebenso ist im Rahmen von Symposien und Kongressen mit den Themen TCM oder Pädiatrie eine steigende Nachfrage nach Shōnishin-Vorträgen bzw. -Veranstaltungen zu verzeichnen. Nicht zuletzt ist es auch Shōnishin zu verdanken, dass im europäischen, vorrangig deutschsprachigen Raum das Interesse an traditioneller japanischer Medizin, besonders der japanischen Akupunktur, der japanischen Moxibustion oder der Kräutertherapie Kampō, zunimmt. 

Mittlerweile hat sich das auf der Basis der Daishi Hari-Schule weiterentwickelte Shōnishin innerhalb und außerhalb Europas etabliert – z.B. in Australien – und seinen Weg zurück in sein Ursprungsland Japan gefunden. So lässt sich ein Weg der japanischen pädiatrischen Akupunktur verfolgen, von seinem Ursprung im alten China über Japan nach Deutschland und zurück nach Japan, von der nadelstechenden Akupunktur zur nicht-invasiven Behandlungsmethode und von einer palpationsgestützten Diagnose zu einer entwicklungs-physiologisch basierten Vorgehensweise.

Literatur
[1]

Michel-Zaitzu W. Traditionelle Medizin in Japan – Von der Frühzeit bis zur Gegenwart. München: Kiener; 2017

[2]

Tanioka Masanori. Daishiryū-shōnishin – okugi to jissen [Pädiatrische Akupunktur im Stil der großen Meister – Prinzip und Praxis]. Tōkyō: Rikuzensha, 2005

[3]

Uvnäs-Moberg K., Arn I., Magnusson D. (2005) The psychobiology of emotion: the role of the oxytocinergic system, Int J Behav Med, 12, 59–65

[4]

Wernicke T. Shōnishin – Nichtinvasive Akupunktur im Lichte der Segmentakupunktur. Dt Ztschr f Akup 2019; 62(1): 9-11

[5]

Wernicke T. Kinderakupunktur in der Geriatrie – geht das? Die Behandlung alter Menschen mit Shōnishin. Dt Ztschr f Akup 2015; 58(3): 11–13

[6]

Wernicke T. A Smile for Children: New Shōnishin Trauma Protocol. Qi – Ztschr f Chines Med 2023; 32(4): 4-7